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Leonberger Kreiszeitung über »Niki de Saint Phalle«

12. November 2008 - Presse

Vom Seelenschmerz zum Farbenrausch

Szenische Lesung über Niki de Saint Phalle in der Stadtbücherei Leonberg
von Sylvia Hüggelmeier

Leonberg. Vor gut einem Jahr ist es um die Malerin Frida Kahlo gegangen. Jetzt hat Lore Seichter-Murath in der Leonberger Stadtbücherei zum zweiten Mal eine außergewöhnliche Künstlerin vorgestellt: Niki de Saint Phalle.

Wie knallbunte, fröhliche Nanas und wiederholte Nervenzusammenbrüche im Leben der französischen Künstlerin Niki de Saint Phalle (1930 bis 2002) zusammenpassen, wie erforschte Quellen mit eigenen Texten zusammengehen und ein eindringliches Lebensporträt entstehen lassen, das zeigte die gebürtige Leonbergerin Lore Seichter-Murath in ihrer szenischen Lesung, zu der die Stadtbücherei und die Gleichstellungsbeauftragte eingeladen hatten.

Mit einer Stimme zwischen sachlicher Prägnanz und pathetischem Ausbruch hielt die studierte Schauspielerin, Regisseurin und Autorin ihre Zuhörer über eine Stunde in Bann; Balladen aus den 60er Jahren vergegenwärtigten zudem vergangenes Lebensgefühl. So manches Mal hieß es, auch wörtlich, „umblättern“ im Leben der wohl berühmtesten Autodidaktin der Kunst: Als junge Ehefrau und Mutter verließ sie, die später das 27 Meter lange Urweib – die Mutter aller Nanas – erfand, ihr bedrückendes Leben, um „das Schöne fließen zu lassen“.

Alle Verletzungen (Missbrauch durch den Vater, wiederholte Eskapaden des Ehemannes), die zu psychischen Zusammenbrüchen geführt hatten, verwandelte Niki de Saint Phalle ins Produktive. 1960 begann sie, mit Farbe auf eigene Objekte zu schießen. Sie schoss gegen Männer, die Gesellschaft und gegen sich selbst. Aggressivität, aber auch Le- bens- und Liebeslust, dazu ein enormes Arbeitsvermögen, gepaart mit Humor, trieben sie an. Ihr intensiv gelebtes Leben war der Stoff, aus dem die Werke entstanden sind.

Geschickt überschrieb Lore Seichter-Murath die verschiedenen Lebens- beziehungsweise Schaffensphasen der vielseitigen Künstlerin mit Figuren des Tarot-Kartenspiels, das Niki de Saint Phalle zu dem berühmten „Tarot Garden“ in der Toskana anregte. Tarot-Karten zur Selbsterkenntnis oder zum Aufdecken magischer Zusammenhängen dienten Seichter-Murath indes nicht allein als Zäsur und Orientierungshilfe.

Im Gegenteil: „Die Suppe des Unbewussten“ begann zu kochen, als die Autorin die Karte der „Liebenden“ auflegte. Die Liebe „zweier Magneten“ – Niki de Saint Phalle und der Objektkünstler und spätere Ehemann Jean Tinguely – wurde nachempfunden, das Herzstück der Biografie damit zum Höhepunkt der Lesung.

Was machte es da, dass in dieser Art von Darbietung die Grenzen zwischen Erforschtem und Erschriebenem, zwischen fremden und eigenen Texten verschwammen – zur gelungenen Collage aus Kunstgeschichte, Musik und Literatur geriet sie allemal.

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